Was, bitteschön, ist denn Free Economy?

Am Wochenende habe ich im Netz eine ältere Sendung der Talkshow „Unter den Linden“ angesehen mit dem Titel „Unter Piraten – Wem gehört das geistige Eigentum?“. Es waren Dirk Hillbrecht, Vorsitzender der Piratenpartei Deutschland und Prof. Rupert Scholz, Staatsrechtler und ehem. CDU-Bundesminister zu Gast. Eines der Gesprächsthemen war, wie der Sendungstitel sagt, die Forderung der Piratenpartei nach einer Reformierung des Urheberrechts. Genauer: Die Piraten fordern, dass die seit langem festgeschriebenen Verwertungsmodelle von geistigen Schöpfungen an die heutigen technischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten angepasst werden müssen. Information und Kunst sind heute keine knappen Güter mehr und können zu gegen Null tendierenden Kosten über das Internet weltweit verbreitet werden.

Auf Details des komplexen Themas will ich an dieser Stelle nicht weiter eingehen. Was mich an dieser Sendung sehr erschreckt hat war das völlige Unverständnis von Prof. Scholz und auch des Moderators gegenüber dem Standpunkt Hillebrechts (der meiner Ansicht nach nicht besonders gut argumentierte). Die beiden „älteren Herren“  – und wahrscheinlich auch die Schicht, die sie repräsentieren –, sind anscheindend komplett ahnungslos gegenüber der Realität  der „jüngeren“ Generation und auch der Wirtschaft. Prof. Scholz stellte doch tatsächlich sinngemäß diese Fragen:

„Glauben Sie wirklich, dass noch irgend jemand für Bücher oder Musik bezahlen würde, wenn er sich diese kostenlos herunterladen kann? Würde noch irgend jemand geistige Werke schaffen, wenn er diese nicht verkaufen kann?“

Ich war geplättet. Genau das passiert doch schon tagtäglich!!! Lassen wir einmal Menschen außen vor, die ihre Werke ohne kommerzielle Absicht frei zur Verfügung stellen. Jede Menge Menschen und Unternehmen verschenken massenhaft Produkte und verdienen sich damit eine goldene Nase. Hier einige Beispiele, die über den Bereich Kunst hinausgehen:

  • Software-Unternehmen wurden erst richtig erfolgreich, nachdem sie ihre Produkte unter einer Open-Source-Lizenz veröffentlicht haben. Sie erlangten dadurch große Bekanntheit und verdienen jetzt an Zusatzprodukten und Dienstleistungen.
  • Um Open-Source-Software haben sich riesige Wirtschaftszweige entwickelt, die es sonst nicht gäbe. (Beispiel: Typo3)
  • Bekannte Bands stellen komplette Alben im Netz kostenlos zum Download bereit. Echte Fans bezahlen trotzdem Geld dafür, kaufen DVDs mit Bonusmaterial oder gehen in die Konzerte. (Beispiel: viele)
  • Unbekannte Bands kamen zu Weltruhm, nachdem ihre Musik(-Videos) im Netz entdeckt wurden.
  • Autoren stellen Hörbücher oder E-Books kostenlos zum Download bereit. Leser kaufen trotzdem die gedruckten Exemplare. (Beispiel: Free)
  • TV-Sender, (Online-)Zeitungen und andere Medien sind für Nutzer komplett kostenlos und finanzieren sich über Werbung von Dritten und Sponsoring (Beispiele braucht es wohl nicht.)
  • Die Liste ließe sich fortführen.

Mit diesem Beitrag will ich sicher nicht auf Politikern oder sonstwem herumhacken. Gräben zwischen den Generation hat es immer gegeben. Es hat mich jedoch zum Nachdenken gebracht, dass was für mich und meinereiner so selbstverständlich ist, bei anderen nur Ratlosigkeit oder gar Angst hervorruft. Das war mir bisher nicht in dem Ausmaß bewusst.

Ich sehe das nun als Herausforderung, geduldig mehr Überzeugungsarbeit in diesem Themenbereich zu leisten. Nur für den eröffnet die Free Economy ungeahnte Möglichkeiten, der diese kennt und zu nutzen weiß. Und sicher gehören auch viele meiner (heutigen und zukünftigen) Kunden wohl noch zur Gruppe der Ahnungslosen. Das soll sich ändern!

Wer Blut geleckt und sich weiter über die Free Economy informieren will, dem lege ich diese Artikelsammlung ans Herzen sowie das bereits erwähnte (momentan nur in Englisch erhältliche)  Buch Free.

update 4.8.2009 – Interessanter Artikel darüber, dass Kunden für Musik  freiwillig mehr als den angegebenen Minimalpreis bezahlen.